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Norbert Fiebig (58) ist seit dem 25. Juni 2014 Präsident des Deutschen ReiseVerbandes (DRV). REISEN

Wohin geht die Reise?

Ein Gespräch mit Norbert Fiebig, dem Präsidenten des Deutschen Reiseverbandes, über Trends im Tourismus.

„Heutzutage planen immer mehr Menschen frühzeitig ihre Reise und buchen vorab.“

Ganz offensichtlich: Die Deutschen lieben das Reisen. Rund 86 Milliarden Euro gaben sie 2016 für ihre Urlaubs- und Privatreisen aus. Das Gute liegt für viele dabei sehr nah: Etwa jeder Dritte macht im eigenen Land Ferien, knapp acht Prozent zieht es in die wirklich weite Ferne. Die Regionen rund um das Mittelmeer, West- und Osteuropa sowie Skandinavien sind für mehr als 60 Prozent aller Reisenden das Ziel. Zur ITB, der Leitmesse der Branche, veröffentlichte der Deutsche Reiseverband (DRV) im März die aktuellen Zahlen und Fakten zum deutschen Reisemarkt. Viele der großen Trends der Vorjahre, das zeigt der Blick auf die Statistiken, haben sich weiter fortgesetzt. „Verlängerte Wochenenden werden für Kultur- und Wellnesstrips genutzt, im Winter stehen Ski- oder aber Fernreisen in warme Länder auf dem Programm: Seit zwei Jahren boomt die Karibik“, erläutert Norbert Fiebig, Präsident des Branchenverbandes. Mit einem Umsatzplus von 37 Prozent konnte vor allem Kuba 2016 einen enormen Zuwachs an Reisenden verzeichnen, die Dominikanische Republik legte um sieben Prozent zu. Die Sommerreisen der deutschen Urlauber führen in der Regel in Küstenregionen: Urlaub am Meer bleibt für viele der Königsweg zur Erholung. Die deutsche Nord- und Ostsee erfreuen sich großer Beliebtheit, Spanien, Portugal, Griechenland, aber auch Österreich sind Klassiker unter den Sommer-Destinationen – und teils erheblich stärker gefragt als zuvor. Aufgrund der politischen Lage meiden Urlauber Länder wie die Türkei und Tunesien und weichen verstärkt auf den westlichen Mittelmeerraum aus. Für den Sommer 2017 liegen die Vorausbuchungen derzeit noch deutlich unter den Ergebnissen von 2016: „Im Vergleich zum Vorjahr haben sich die mit Türkei-Sommerurlauben erzielten Umsätze mehr als halbiert“, so Fiebig. Griechenland und auch Bulgarien konnten 2016 dagegen jeweils zweistellige Umsatzzuwächse gegenüber dem Vorjahr verbuchen und zeigen diese Tendenz auch für 2017. Die Verlagerung der Urlaubsströme zeige, dass die Werte „Sicherheit“ und „Vertrauen“ an Bedeutung gewönnen. „Reiseveranstalter und Reisebüros kümmern sich um den Kunden, wenn´s ungemütlich wird“, erläutert Fiebig. Die Experten in den Reisebüros geben passgenaue Empfehlungen und fungieren als Lotsen. Im Jahr 2016 wurden mehr als 40 Prozent der gut 70 Millionen in Deutschland gebuchten Reisen über Veranstalter organisiert. „Der Service bleibt wichtig, da die Menschen sich eine verlässliche Absicherung und Ansprechpartner für den Notfall wünschen, wenn der isländische Vulkan die Heimreise verzögert oder es in Bangkok zu Unruhen kommt.“ Beim individuell organisierten Urlaub sei der Reisende auf sich gestellt. Auch finanzielle Aspekte motivierten viele Menschen, die Planung ihrer Reise in professionelle Hände zu legen: „Fährt eine vierköpfige Familie gemeinsam in den Urlaub, fallen schnell mehrere tausend Euro an“, weiß der DRV-Präsident. Verständlich, dass die nicht unerhebliche Investition in den Jahresurlaub Experten anvertraut werde. Doch auch das Geschäft der Internetanbieter entwickle sich parallel zu dem der Veranstalter. „Vor gut zwanzig Jahren fuhr man noch mit dem Auto in Richtung Italien und suchte sich dort spontan eine Unterkunft. Heutzutage planen immer mehr Menschen frühzeitig ihre Reise und buchen vorab.“ Von diesem veränderten Verhalten profitierten beide Bereiche: „Einfache Produkte wie Flüge, Bahnfahrten oder Hotelübernachtungen werden zunehmend über Buchungsportale im Netz gekauft, doch die Rundreise durch die USA oder Thailand, die Tour durch den Nationalpark in Südafrika, da sind Fachleute gefragt, die spezielles Know-how mitbringen und die Reisenden beraten können.“ Als rundum von Profis durchdachter und organisierter Urlaub bietet eine Kreuzfahrt den Passagieren viel Komfort bei einer hohen Dichte an unterschiedlichen Eindrücken in kurzer Zeit. Ein Service, den eine wachsende Zahl an Reisenden schätzt: 2016 gingen mehr als zwei Millionen Menschen an Bord eines Hochseeschiffes, über 435.000 checkten zu einer Flusskreuzfahrt ein. Quer durch´s Mittelmeer, rauf in den Norden oder entlang der Ufer von Rhein und Donau – wer viel sehen möchte und es dennoch schätzt, den Koffer nicht immer wieder ein- und auspacken zu müssen, ist in den schwimmenden Hotels bestens aufgehoben. Attraktiv sind die Kreuzfahrten jedoch nicht nur wegen der Bequemlichkeit des Reisens, der Tagesausflüge oder der vorbeiziehenden Landschaft: Viele Hochseekreuzer bieten eine große Bandbreite an Wellnessangeboten, speziellen Familienattraktionen oder ein Entertainmentprogramm, das Las Vegas fast in den Schatten stellt, während die Schiffe auf den europäischen Flüssen besondere Musik- und Gourmettouren oder sportliche Kombinationen für Radfahrer oder Golfer offerieren. Abwechslung und aktive, sportliche Betätigung gehören für einen großen Teil der Reisenden zu einem gelungenen Urlaub: „Viele Menschen möchten nicht nur am Strand liegen“, erläutert Norbert Fiebig. „Der Wunsch, etwas Besonderes zu erleben, steht im Vordergrund.“ Der Markt reagiert mit einer Fülle von Erlebnis-, Outdoor- und Aktivangeboten. Spezielle Pakete werden geschnürt, die neben Aktivitäten wie Squadfahren, Mountainbiken oder Bungee Jumpen bereits die Anreise und das Hotel enthalten. Reiseveranstalter eröffnen Clubs, in denen sich vor allem für die jüngere Zielgruppe Sport, Strand und Nightlife hervorragend unter einen Hut bringen lassen, Hotels erweitern ihr Angebot an Yogakursen oder geführten Nordic Walking Touren. Das körperliche Wohlbefinden gezielt zu stärken, sei es durch Bewegung oder Behandlungen, im besten Falle durch beides, steht für viele Reisende im Fokus: „Der Wellnesstrend hält an“, beobachtet Norbert Fiebig. „Durch eine Reise präventiv etwas für die Gesundheit zu tun, das ist weiterhin ein großes Thema.“ Für den Einen kann das eine Beautybehandlung im luxuriösen Ambiente eines Spas sein, während der andere auf professionelle Medical Wellness-Angebote mit ärztlicher Betreuung setzt. Die Destinationen der Wellness-Urlaube „bleiben wie gehabt“, berichtet der Chef des Branchenverbandes, doch dort entstünden kontinuierlich neue Hotels und Anlagen: Von der Thalassa-Behandlung an der deutschen Küste bis zur Ayurveda-Kur in Indien finden Erholungssuchende wohltuende Angebote – und jeder sein ganz persönliches Wohlfühlprogramm. Aktive Betätigungen und gesundheitliche Prävention stehen auch bei älteren Reisenden ganz oben auf der Wunschliste, bestätigt Norbert Fiebig. Wanderreisen seien bei dieser – dem demografischen Wandel geschuldet wachsenden – Zielgruppe nach wie vor stark gefragt, und auch die Ziele blieben dabei klassisch: Nicht ohne Grund führe Bayern die Liste der Inlandsdestinationen für einen Kurzurlaub ungebrochen an. Dass „60“ das neue „50“ ist, mache sich jedoch auch bei den Ansprüchen an Unterkunft und Reiseform bemerkbar, erläutert der DRV-Präses. „Nur wenige möchten eine klassische Seniorenreise machen. Es geht eher darum, seinen Interessen im Rahmen seiner Möglichkeiten nachgehen zu können, ohne sich dabei abzukapseln.“ Vieles, was die Veranstalter anbieten – von der Kreuzfahrt bis zur organisierten Rundreise – ist für aktive ältere Menschen gut geeignet. Und falls es dann noch einen Gepäckservice und die Abholung an der eigenen Haustür gibt, ist das besonders angenehm. Wenn mit zunehmendem Alter massivere Einschränkungen der Mobilität und verstärkt gesundheitliche Probleme auftreten, gibt es maßgeschneiderte oder betreute Reisen. Das Angebot reicht von der Bus-Tagestour bis hin zur Fernreise in ärztlicher Begleitung. Viele Hotels sind barrierefrei und auf Gäste mit besonderen Bedürfnissen eingestellt. Ein Urlaub mit Angehörigen einer anderen Generation ist offensichtlich auch für die sehr junge Zielgruppe der Teenager kein solches No-Go mehr, wie es das gefühlt vor zwanzig Jahren war. „Kinder – in dem Fall dann Jugendliche und junge Erwachsene – fahren heute viel länger gemeinsam mit den Eltern in den Urlaub.“ Vielleicht, so mutmaßt Norbert Fiebig, liege das an veränderten Beziehungen innerhalb von Familien und einer größeren Aufgeschlossenheit auch seitens der Eltern. Sind sie allein unterwegs, stehen bei jungen Urlaubern Städtereisen hoch im Kurs. Generationenübergreifend sind die Topziele in Deutschland die Hauptstadt Berlin, München mit den umgebenden Bergen und die Hafen- und Musicalmetropole Hamburg. Frankfurt setzt die Liste fort, die umgebende Kulturlandschaft Rheingau spielt dabei sicher eine Rolle. International ist London die Lieblingsdestination der deutschen City-Urlauber. Das Wachstum der Vorjahre konnten die Städtetrips 2016 dennoch nicht halten: Aufgrund der Terror- anschläge, die auch europäische Metropolen trafen, ging die Zahl der Trips um 4,1 Prozent zurück. In den großen Städten ebenso wie an den Küsten oder in den Bergen warten immer mehr Hotels mit außergewöhnlichem Design, einem thematischen Konzept oder technologischen Features auf. „Es gibt inzwischen viele Hotels mit einem Tablet in jedem Zimmer, über das auch Infos abgerufen werden können. Das ist allerdings nicht jedermanns Sache – und auch nicht für jeden geeignet“, gibt Fiebig zu bedenken. Es spiegelt jedoch den Trend zu einer wachsenden Zuspitzung des Angebots auf eine bestimmte Zielgruppe, die zwangsläufig andere ausgrenzt: Ob „Adults only“, Wellness-resort, Familienhotel oder Surferhaus – wer reist, sollte sich zuvor genau über das Angebot informieren, um nicht ruhesuchend zwischen tobenden Kleinkindern auf der Sonnenliege zu landen oder auf der Suche nach Abenteuern im abgeschiedenen Schlosshotel. Abschließend ein Blick auf jene, die geschäftlich unterwegs sind: Der Markt der Businessreisen wächst und gedeiht. Nein, sagt Norbert Fiebig auf die Frage nach dem Einfluss moderner Technologien auf das Reiseverhalten, die Videokonferenz habe die Geschäftsreise nicht ersetzt. „In Phasen guter Konjunktur steigt die Zahl der Reisen in exportorientierten Branchen an. Firmen reagieren da schneller als der Urlauber.“ Auch die Art zu reisen ist an die wirtschaftliche Entwicklung gekoppelt: Tendenziell werden die Trips zwar kürzer, dennoch wird mehr Geld ausgegeben. Nach Jahren in der Economy Class werde nun wieder verstärkt hochwertig gebucht. „Jetzt steht wieder im Fokus, dass der Mitarbeiter ausgeruht am Verhandlungsort ankommt.“ Die anhaltend gute Konjunktur beschert auch dem Tourismus in Deutschland ein stabiles Wachstum: „2016 waren eine Bruttowertschöpfung von 214,1 Milliarden Euro und damit fast zehn Prozent jener der gesamten deutschen Volkswirtschaft der Branche zuzurechnen. Mit fast drei Millionen Beschäftigten bietet die Branche erheblich mehr Arbeitsplätze als etwa die Fahrzeugindustrie“, fasst Norbert Fiebig die beeindruckenden Zahlen zusammen.

Fakten

Text: Ulrike Christoforidis Fakten • rund 86 Mrd. Euro gaben die Deutschen im Jahr 2016 für Urlaubs- und Privatreisen aus • davon wurden Reiseleistungen in Höhe von knapp 60 Mrd. Euro vor Reiseantritt gebucht

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Journalist

Ulrike Christoforidis

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