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Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub

Die schönsten Wochen des Jahres sind vorbei und der Alltag hat sich zurückgemeldet? Kein Grund zum Jammern, denn der Trend geht zum Zweiturlaub.

Im Sommer findet man an Nord- und Ostsee praktisch keine freien Betten.

Deutschland und das Mittelmeer – das sind und bleiben die beliebtesten Ziele der Reiseweltmeister, wenn es ab in den Urlaub geht. Auch im vergangenen Sommer haben sich an Nord- und Ostsee und in Bayern wieder viele Deutsche vergnügt, mag auch das Wetter nicht immer mitgespielt haben. Allerdings hat sich in einem Punkt die Statistik bemerkenswert verschoben: Denn seit 2016 ist Deutschland nicht mehr das Reiseland mit den meisten Übernachtungen deutscher Urlauber. Im vergangenen Jahr zog es mehr Urlauber unter die nicht selten brütend heiße Sonne Spaniens als nach Deutschland. Kein Grund zur Sorge für Reinhard Meyer, den Präsidenten des Deutschen Tourismusverbandes (DTV). Schließlich zählten nicht der Platz, sondern die absoluten Zahlen. Und mit Blick auf die 447 Millionen Übernachtungen hierzulande kann Meyer sehr zufrieden sein. „Damit ist die Zahl der Übernachtungen in Deutschland seit 2010 zum siebten Mal in Folge gestiegen“. Insgesamt haben die Deutschen im vergangenen Jahr 60 Milliarden Euro für ihren Urlaub im In- und Ausland ausgegeben.

Nach wie vor kamen die allermeisten Urlauber hierzulande auch im vergangenen Jahr wieder aus dem eigenen Land. 80 Prozent der Übernachtungen in Deutschland wurden von Deutschen gebucht. „Das lange Wachstum bei den Zahlen von Ausländern, die hierherkommen, um Urlaub zu machen, hat sich abgeschwächt“, bedauert Meyer. Gleichwohl ist sein Blick in die Zukunft optimistisch, denn in den deutschen Urlaubsgebieten hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Hotels und Ferienanlagen wurden modernisiert, die Infrastruktur ausgebaut und auf den neuesten Stand gebracht. Das war durchaus notwendig, denn gerade die klassischen Feriengebiete hatten durchaus Nachholbedarf. Ganz klar ist für Meyer daher: „Wir sind kein Notersatz für Spanien. Die Menschen, die in Deutschland Urlaub machen, tun das gern.“


Norbert Fiebig (58) ist seit dem 25. Juni 2014 Präsident des Deutschen ReiseVerbandes (DRV) 

Gerade in der jüngeren Vergangenheit hat es interessante Verschiebungen gegeben, was die Ziele und Wünsche der Reisenden in deutschen Landen betrifft. Nachdem sich die Großstädte eine Zeit lang dynamisch bei den Übernachtungszahlen entwickelten, geht der Trend inzwischen wieder etwas zurück zu den klassischen Feriengebieten, also den deutschen Küsten sowie Bayern. „Im Sommer findet man an Nord- und Ostsee praktisch keine freien Betten“, sagt der Tourismuspräsident. Aber natürlich, so Meyer, sei auch Berlin weiter schwer angesagt und Hamburg habe 2016 sogar ein überdurchschnittliches Wachstum von 5,5 Prozent bei den Übernachtungen verzeichnet – und die Stadt werde durch die neue Elbphilharmonie noch weiter gewinnen. Aber zu den Gewinnern gehören ganz klar Städte in einer Größenordnung zwischen 50 000 und 100 000 Einwohnern. Das hänge, so glaubt Meyer, mit dem wachsenden Interesse vieler Urlauber an Kultur und einer sehr agilen Generation 60 plus zusammen.

Und da haben gerade auch viele deutsche Städte viel Interessantes zu bieten. „Kulturtourismus ist ein großer Trend. Die deutschen Städte haben hier viel investiert und auch viel gutes Marketing gemacht.“ Gefördert werden kann das Interesse noch zusätzlich durch Ausstellungen und Events. Meyer: „Wenn in Potsdam eine Ausstellung im neuen Barberini-Museum läuft, hat das eben eine bundesweite Ausstrahlung.“ Auch Festivals ziehen Besucher an, ganz gleich, ob es sich um das Schleswig-Holstein-Musikfestival handelt oder um ein Rockfestival wie das in Wacken.

Gut verbinden können Urlauber in heimischen Gefilden einen Städtetrip mit der Region in der Umgebung. Denn auch die Regionen zwischen den Küsten und den Alpen haben sehr viel zu bieten. „Brandenburg zum Beispiel hat steigende Übernachtungszahlen. Mit seinen speziellen Angeboten für einen Natururlaub oder seinem Wassertourismus wirkt es auf immer mehr Urlauber immer interessanter.“ Entschleunigung, Abschalten vom Alltag sei das Ziel. Und wer möchte, kann trotzdem einen Tag in Potsdam auf den Spuren Friedrichs des Großen wandeln oder das unübersehbare Berliner Kulturangebot erkunden. Andere Beispiele sind der Schwarzwald oder die Weinanbaugebiete im Südwesten. Regionalität ist groß angesagt, die regionale Küche oder Produkte. Wichtig sei aber immer, so Meyer, dass das Marketing der Realität entspreche.

Schließlich wird ein anderer Grundsatz im einheimischen Tourismus immer wichtiger: Nachhaltigkeit. Immer mehr Urlauber möchten naturnahe Ferien verbringen und zugleich soll die Umwelt nicht gestört werden. Auch das stellt neue Ansprüche an die einheimische Tourismusindustrie, ebenso wie der Wunsch nach immer mehr Individualität. Schließlich stellen sich Urlaubsregionen auch vermehrt darauf ein, den Gästen nicht nur im Sommer etwas zu bieten, sondern ganzjährig. „Wellness- und Gesundheitstourismus sind wichtige Entwicklungen, um sich unabhängiger vom Sommer zu machen“, sagt Reinhard Meyer. 

Natur und Entspannung sind auch für deutsche Auslandsurlauber mit 28 und 37 Prozent durchaus wichtig. „Aber ganz oben steht mit 50 Prozent doch immer wieder der Strandurlaub“, sagt der Präsident des Deutschen Reiseverbandes (DRV), Norbert Fiebig. Und das kann man von der Entfernung her idealerweise an Nord- und Ostseeküste wie auch rund ums Mittelmeer. So fahren etwa zwei Drittel aller deutschen Urlauber ins Ausland, die Mehrheit davon in die Mittelmeerregion und hier vor allem auf die europäische Seite. Kein Wunder also, dass außer der Nummer 1 Spanien auch Länder wie Italien, Frankreich, Griechenland oder Kroatien hoch im Kurs stehen. Der Sturm auf Spanien kann auch zu Problemen führen. Die Bilder von einem völlig überfüllten Mallorca oder von den Protesten der Einheimischen gegen zu viel Tourismus in Barcelona flimmerten im letzten Sommer über die Bildschirme. Fernreisen, zum Beispiel nach Asien, Nordamerika oder ins südliche Afrika, haben demgegenüber einen Anteil von rund acht Prozent.

Selbst die Türkei hat trotz der dortigen politischen Lage kurz vor dem Start der Hochsaison wieder aufgeholt. „Es war so, wie wir es vorausgesagt haben: Die Türkei haben viele Kunden erst ganz kurzfristig gebucht“, so Fiebig. Wer erst kurz vor dem Start ein Urlaubsziel buchen konnte oder wollte, dem bot sich die Türkei an, weil es hier sehr viele freie Kapazitäten zu attraktiven Preisen gab. Denn zunächst waren die Buchungszahlen auch 2017 im Vergleich zum sehr schlechten Vorjahr weiter zurückgegangen. „Wer erst im Mai oder gar Juni seinen Sommerurlaub gebucht hat, der hat vielleicht gar nichts anderes Passendes mehr gefunden“, schätzt Fiebig.

Egal ob Mittelmeer oder Deutschland: die Dauer einer durchschnittlichen Reise geht seit Jahren kontinuierlich zurück. „In den Siebzigerjahren fuhr man für drei oder gar vier Wochen nach Italien – und das war es dann für das Jahr“, so Fiebig. Das sei heute anders, wie Statistiken belegen: Während noch 1983 eine durchschnittliche Reise 17,4 Tage dauerte, sind es heute 13,1 – Tendenz sinkend. Das bedeutet aber nicht, dass die Deutschen heute weniger Urlaub machen als früher. Sie teilen sich ihre Urlaubszeit nur stärker auf. Der Trend geht zum Zweit- oder gar Dritturlaub. Im Durchschnitt geht der Deutsche heute 1,3 Mal im Jahr auf eine Urlaubsreise.

Das hängt mit den gewachsenen Ansprüchen zusammen. Während früher das Ziel Erholung ganz oben auf der Wunschliste stand, wollen die Urlauber heute oftmals mehr: neben Erholung auch den Städtetrip, Natur oder Kultur beispielsweise. „All das zusammen kann man aber nicht immer in einem Urlaub unter einen Hut bringen, deshalb splitten viele Menschen heute ihre freien Tage auf und fahren mehrmals weg“, so DRV-Chef Norbert Fiebig.

Zwar steigt vor allem im Deutschland-Bereich der Trend zur individuellen Gestaltung der Ferienzeit. Gleichwohl geht der Anteil der Deutschen, die ohne eine vorherige Buchung auf Reisen gehen, zurück. Gebucht wird entweder im klassischen Reisebüro, bei einem bestimmten Leistungsträger wie einer Fluglinie oder der Bahn oder auf Produktportalen wie Booking.com oder HRS.de. Die Hälfte der Reisen wird bei einem Reiseveranstalter gebucht, wobei es sich dabei nicht zwangsläufig um eine Pauschalreise handeln muss. Gern nehmen die Deutschen auch trotz des Internets nach wie vor die Fachkompetenz eines Reisebüros in Anspruch. „Wenn man eine individuelle USA-Reise buchen möchte, braucht man schon jemanden mit Fachwissen, der sie einem zusammenstellt“, führt Fiebig als Beispiel an. Diese Kompetenz sei in den vergangenen Jahren sogar eher wichtiger geworden. Tatsächlich ist zwar die Zahl der Reisebüros gesunken, ihr Umsatz im Langzeitvergleich aber gestiegen.

Bei der Wahl des Reisemittels steht immer noch das eigene Auto ganz oben. Für Reisen in Deutschland sowieso – drei Viertel aller Deutschen, die im eigenen Land Urlaub machen, tun dies mit dem Auto. 13 Prozent nutzen die Bahn, sechs Prozent den Bus. Das zeigt, so der Präsident des Deutschen Tourismusverbandes Meyer, wie wichtig eine gut ausgebaute Infrastruktur gerade für die ländlichen deutschen Regionen ist, die nicht so gut an den Zugverkehr angebunden sind. Aber auch für Reisen ins Ausland ist das Auto noch immer das beliebteste Vehikel, um ans Ziel zu kommen. Allerdings gibt es Verschiebungen zugunsten des Flugzeugs. So ist der Anteil aller Urlauber mit PKW – also auch der deutschen in Deutschland – von insgesamt 50 Prozent 2015 auf 47 Prozent ein Jahr später gefallen, während der Anteil des Flugzeugs im selben Zeitraum von 34 auf 39 Prozent gestiegen ist.


Reinhard Meyer, Präsident des Deutschen Tourismusverbandes (DTV)

Ein Trend, von dem früher viele Urlauber vor allem mit eher kleinen Portemonnaie profitierten, hat sich zugunsten der Frühbucher umgekehrt: der Last-Minute-Sektor. Das klassische Last-Minute gibt es weniger als früher, weil die Veranstalter heutzutage anders als früher eher konservativ ihre Kontingente einkaufen. So blieben am Ende viel weniger Hotelbetten übrig. Zum Teil hat sich der Trend sogar ins Gegenteil gekehrt: Wer heute kurzfristig bucht, wenn die Nachfrage nach dem Wunschziel besonders groß ist, muss im Vergleich zum ursprünglichen Preis noch etwas drauflegen. Die meisten Deutschen buchen inzwischen ihren Urlaub weit im Voraus – und können sich somit auch länger auf die Ferienzeit freuen.

Es gibt natürlich die Urlauber, die ausschließlich im Ausland Ferien machen und solche, die sich nur innerhalb Deutschlands bewegen. Aber es gibt natürlich auch viele, die gern beides machen. Wenn Reinhard Meyer, Chef des DTV, der für den deutschen Urlaubsmarkt zuständig ist, im eigenen Land Urlaub macht, fährt er gern an die Flensburger Förde, in die Pfalz oder ins Allgäu. Und er probiert gern mal etwas Neues aus. So hat er kürzlich ein paar Nächte am Strand verbracht – in einem Schlafstrandkorb. „Das Angebot gibt es in Schleswig-Holstein und Niedersachsen, ich kann das allen wirklich nur empfehlen.“ Und falls das Wetter mal nicht mitspielen sollte, ist für Hilfe gesorgt, denn die Strandkörbe gehören zu Hotels, in die man im Fall des Falles fliehen kann.

Und Hand aufs Herz: Macht Reinhard Meyer nur Urlaub in Deutschland? Nein, sagt er: „Ich bin ein großer USA-Fan und regelmäßig drüben. Auch DRV-Präsident Norbert Fiebig verteilt seine Urlaube gern aufs Aus- und Inland. Sowohl Wander- und Radtouren durch Südtirol als auch Strandurlaub auf Juist stehen auf der Urlaubsliste – oder auch mal ferne Länder wie Peru und Ecuador entdecken.

Fakten

Die Deutschen haben 2017 insgesamt 70 Millionen Reisen gebucht und 60 Milliarden Euro für ihre Urlaubstrips ausgegeben. Die Dauer der Reisen ist in den vergangenen Jahrzehnten gesunken, aber dafür machen viele Deutsche zwei- oder auch dreimal im Jahr Urlaub. Das Auto ist noch immer das beliebteste Reisemittel.

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Journalist

Armin Fuhrer

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