Weekly News

Fabian Hambüchen AKTIVITÄTEN

Durch die Luft fliegen und siegen – Fabian Hambüchen

Fabian Hambüchen liebt das Reck über alles. An keinem anderen Turngerät kann man so durch die Lüfte fliegen und berauschende Glücksgefühle erleben.

Diese Megaleidenschaft zum Sport hat mich immer angetrieben.

Gold, Gold, Gold! Das erste Gold seit 20 Jahren für einen deutschen Turner! Der Jubel war unbeschreiblich, als Fabian Hambüchen bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro am Reck antrat, loslegte und fehlerlos seine Übung zeigte. Als erster der acht teilnehmenden Turner hängte er die Latte mit 15,766 erreichten Punkten so hoch, dass die Konkurrenz keine Chance mehr hatte.

„Ich liebe Reck, schon immer“, erzählt der Olympiasieger. „Natürlich auch deshalb, weil es irgendwann mein stärkstes Gerät war. Aber auch, weil das Gefühl, am Reck fliegen zu können, so einzigartig ist und mich so motiviert.“ Vor acht Jahren hätte sich der Superturner auch noch gute Chancen im Mehrkampf ausgerechnet. „Aber als ich an Rio dachte, war klar, dass für mich - wenn überhaupt - nur Reck infrage kommen würde.“

Denn das „wenn überhaupt“ stand lange Monate als riesige, schwarze Drohung im Raum. Die Schulter ist für einen Turner ein existentiell wichtiger Körperteil, doch wie soll man trainieren, wenn man vor Schmerzen kaum noch seine Teetasse heben kann? Der Spitzensportler erinnert sich mit Schrecken an die Verzweiflung, die ihn angesichts der massiven Schmerzen seiner angerissenen Supraspinatussehne quälte. Eine Verschleißerscheinung war es, keine akute Verletzung, denn die wäre wesentlich einfacher zu behandeln gewesen. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, Sportmediziner und langjähriger Mannschaftsarzt des FC Bayern München und der deutschen Fußballnationalmannschaft, und Physiotherapeut Cyrus Salehi nahmen das Turntalent unter ihre Fittiche. Müller-Wohlfahrt spritzte, Cyrus Salehi drückte, knetete und zog – und bewies, dass er seinen hervorragenden Ruf zu Recht hat: Die Schulter rückte wieder an die richtige Stelle, das Training konnte beginnen. Und es wurde allerhöchste Zeit, in wenigen Wochen waren die olympischen Spiele!

Welche Geräte für den angeschlagenen Spitzensportler überhaupt Sinn machen würden, überlegten der Trainer, der sein eigener Vater ist, und Fabian Hambüchen gemeinsam. Barren, Ringe und Pauschenpferd fielen aufgrund der massiven Schulterbelastung schon mal weg, Boden und Sprung waren eine Option. Blieb noch das Reck, Hambüchens Lieblingsgerät. „Ab dem Tag, an dem ich mich wieder bewegen konnte, waren es nur noch drei Wochen bis zu den Deutschen Meisterschaften, die das Kriterium zur internen Qualifikation sind. Ab diesem Tag habe ich auch keine Schmerzmittel mehr genommen.“

Das war der Startschuss und das sympathische Turntalent legte los:

70 Prozent Leistung bei den Deutschen Meisterschaften, 90 Prozent Leistung bei der Qualifikation zwei Wochen später, 150 Prozent Leistung drei Wochen danach in Rio. Sieht man das Video seines Sieges, bemerkt man Kraft, Perfektion, Leidenschaft, Willen und Spaß an der Sache. Von eventuellen Schmerzen bemerkt man nichts. Als er nach seiner grandiosen Leistung mit perfekt ausgeführtem Cassina, Kolman, Adler, Rybalko und Quast nach 48 Sekunden auf beiden Füßen landete und stand, war klar – er hatte es geschafft. Sein größter Konkurrent, der Niederländer Epke Zonderland, bekam überraschend die Reckstange nicht zu fassen und fiel mit voller Wucht in die Matten, Danell Levya, erreichte 15,500 Punkte und wurde zweiter, Nile Wilson erturnte Bronze.

Der krönende Abschluss seiner Karriere, ein Freudentaumel ohne Ende, eine self-fulfilling prophecy. „Ich wollte schon immer an den Olympischen Spielen teilnehmen“, sagt Hambüchen. „Schon als kleiner Junge war das mein Traum.“ Doch nicht nur die Goldmedaille darf der Spitzensportler mit nach Hause nehmen, auch das stählerne Objekt des Sieges, das Reck, wurde ihm geschenkt. Aufgrund einiger Ministerwechsel in Brasilien und Streik des brasilianischen Zolls verzögerte sich allerdings dessen Ausfuhrgenehmigung, aber nun befindet sich das Sportgerät auf hoher See und wird schon bald die Turnhalle in Wetzlar zieren.

Der 40malige Deutsche Meister freut sich jetzt auf seinen Abschluss an der Kölner Sporthochschule, an der er Sportwissenschaften studiert. Ob er danach Trainer oder eher Sportmanager werden will, ist noch nicht entschieden.

Auch die Ernährung muss nicht mehr so streng sein. „Als Turner muss man so leicht wie möglich sein, das bedeutet, am Abend keine Kohlehydrate zu essen. Da stehen Gemüse, Fleisch, Fisch und Salat auf dem Speiseplan.“

Über mehr Freizeit kann der Gewinner von 28 internationalen Medaillen jetzt ebenfalls nachdenken – und äußert auch schon einen konkreten Traum: Noch einmal nach Rio de Janeiro zu fliegen, als ganz normaler Tourist und die ganze Stadt zu erkunden, von der Copacabana bis zum Zuckerhut, mit allem, was dazugehört. 

Fakten

Fabian Hambüchen wurde am 25. Oktober 1987 in Bergisch Gladbach geboren. Er wurde von klein auf von seinem Vater trainiert und wollte in der Turnhalle seinem großen Bruder nacheifern. Nach seinem Abitur 2007 entschied er sich dazu, „richtiger“ Profiturner zu werden und gewann unzählige Medaillen. 2012 begann er mit dem Studium von Sportmanagement- und Kommunikation an der Sporthochschule Köln. Nach seiner Goldmedaille in Rio beendete er seine Profikarriere und möchte nun schnell sein Studium abschließen.

Teile diesen Artikel

Journalist

Katja Deutsch

Weitere Artikel