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„Ich lerne immer besser, die Lichtmuster zu interpretieren“, Bernd Burkhardt. WELLBEING

Ein Stück Mobilität gewinnen

Ein Retinaprothesensystem gibt blinden Menschen eine begrenzte Sehfähigkeit zurück, die die Orientierung im Alltag verbessert.

„Ich möchte wieder eigenständig unterwegs sein können.“ Bis vor einem Jahr war Bernd Burkhardt schwarzblind und bei Aktivitäten außerhalb des Hauses auf Hilfe angewiesen. Das Implantieren einer Retinaprothese eines kalifornischen Unternehmens hat ihm inzwischen einen kleinen Teil jener Selbstständigkeit zurückgeben können, die er schon als junger Mensch eingebüßt hatte.

Bereits mit zwölf Jahren erfuhr der heute 63-Jährige, dass er an der Erbkrankheit Retinitis Pigmentosa (RP) leidet, einer degenerativen Erkrankung der Netzhaut, die die Fotorezeptoren im Auge stark schädigt – und dass er dadurch sein Augenlicht vollständig verlieren könnte. Im gesunden Auge wandeln Fotorezeptoren in der Netzhaut das Licht in Nervenimpulse um, die an das Hirn gesendet und dort in Bilder umgesetzt werden. Fallen die Rezeptoren aus, fehlt das erste Glied in der Kette der Informationsverarbeitung – es können keine Impulse mehr übertragen werden.

Kurz nach der Diagnose machten sich bei Bernd Burkhardt die ersten Symptome bemerkbar: „Das Gesichtsfeld war nach unten eingeschränkt, Nachtblindheit kam hinzu.“ Im Laufe der Jahre verschlimmerte sich das Krankheitsbild. Mit 30 Jahren war er weitgehend blind, vor zehn Jahren verlor er auch die Fähigkeit, die letzten wenigen Lichtmuster wahrzunehmen, wurde vollständig schwarzblind.

„Dann las mein älterer Bruder über das Retinaprothesensystem.“ Der Entscheidung für das System aus externen Komponenten und einem Implantat, das in das Auge eingesetzt wird, folgten eingehende Untersuchungen und vor einem Jahr dann schließlich die OP in der Augenklinik der Universität Leipzig. Dabei wurden eine Antenne, ein Chip sowie Elektroden implantiert. Der Patient trägt eine Brille, die mittels einer winzigen Kamera das Sichtfeld aufnimmt. Die von einem Mini-Computer verarbeiteten Informationen werden über eine Antenne von der Brille an das Implantat im Auge gesendet. Dort erzeugen die Elektroden Impulse, welche die verbliebenen Retinazellen stimulieren. Über den Sehnerv gelangen diese Informationen an das Gehirn und führen zur Wahrnehmung von Lichtmustern. „Ich empfange also Blitze, durch die ich zusätzliche Informationen über meine Umgebung gewinne“, erläutert Burkhardt, „und ich lerne diese immer besser zu interpretieren. Das System basiert auf Kontrastveränderungen. Komme ich in ein Zimmer, nehme ich anhand des Lichtes wahr, wo Türen sind. Ich registriere, wenn sich jemand bewegt und nehme parkende Autos wahr.“ Das langsame Bewegen des Kopfes zum „Scannen“ der Umgebung in Kombination mit dem Langstock hat Bernd Burkhardt anfangs unter Laborbedingungen in der ambulanten Reha, die er dank der Begleitung durch seine Frau in Leipzig machen konnte, und später vor Ort mithilfe einer Mobilitätstrainerin geübt. Ein langer Prozess, doch: „Ich lerne immer besser daraus Automatismen abzuleiten.“ Eine erste Nagelprobe bestand er vor wenigen Tagen: Die etwa 500 Meter bis zur Apotheke ging er allein. „Das war für mich ein wirklicher Erfolg.“

Fakten

Fakten

• Das Retinaprothesensystem dient zur Elektrostimulation der Netzhaut

• Ziel: Anregung der optischen Wahrnehmung blinder Menschen

• Aktuell 200 Patienten in zwölf Ländern weltweit, davon 35 in Deutschland

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Journalist

Ulrike Christoforidis

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